Ein älterer Mann und eine ältere Frau sitzen lächelnd bei einem formellen Abendessen, gekleidet in Anzügen, umgeben von anderen gut gekleideten Gästen - unter ihnen der verstorbene Altlandrat Seban Dönhuber - an einem Tisch mit weißem Tischtuch und eleganten Gedecken.

Seban Dönhuber gestorben: Vergelt’s Gott, Herr Altlandrat

Der Neuöttinger ist am Freitag im Alter von 89 Jahren gestorben – Ein Leben für die Demokratie und die Mitmenschen

Artikel im Alt-/Neuöttinger Anzeiger vom 29.07.2023

von Erwin Schwarz – Regionalleiter Altötting und Redaktionsleiter

Altlandrat Seban Dönhuber ist am Freitag im Alter von 89 Jahren gestorben. Das Bild entstand bei einer Feierstunde anlässlich seines 85. Geburtstags im Januar 2019 und zeigt ihn mit seiner Ehefrau Christa, mit der er über 65 Jahre verheiratet war, und Tochter Manuela. −Fotos: Schwarz

Er hat den Landkreis Altötting ab den 1960er-Jahren geprägt und gestaltet wie wohl keine zweite Persönlichkeit – als Mitglied des Landtags und des Bezirkstags, als Bürgermeister, Landrat und Senator, als Gewerkschafter und Vorsitzender zweier großer Wohlfahrtsverbände. Am Freitag nun ist Altlandrat Seban Dönhuber im BRK-Seniorenzentrum Altötting gestorben; er wurde 89 Jahre alt.

Er erblickte am 14. Januar 1934 das Licht der Welt, wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Er erlernte den Beruf des Schriftsetzers und Zeitungsmeteurs, wurde Gewerkschaftsmitglied und dann geschäftsführender Vorsitzender des DGB-Kreises Altötting-Mühldorf. In den 1950er-Jahren begann das Interesse an der Politik. Für die SPD zog er nach den Kommunalwahlen 1960 in den Neuöttinger Stadtrat und in den Altöttinger Kreistag ein. Zwei Jahre später wurde er zum Bezirksrat gewählt, 1966 schließlich zum Bürgermeister seiner Heimatstadt und zum Mitglied des Landtags.

Am 11. Januar 1970, drei Tage vor seinem 36. Geburtstag, eroberte der nun Verstorbene zum ersten Mal den Posten des Landrats; fünf weitere Male schenkten ihm die Bürger des Landkreises 1972, 1978, 1984, 1990 und 1996 ihr Vertrauen. Dass ausgerechnet im katholischen Herzen Bayerns, im CSU-Kernland ein Roter zum Landkreischef gekürt wurde, löste breites Medienecho aus: Vom „Wunder von Altötting war die Rede“ und von einem „schwarzen Sonntag für den schwarzen Landkreis“.
 
Mit einer Mehrheit im Rücken indes konnte er nie regieren, allein deshalb war er schon ein Mann des Kompromisses, ein Netzwerker. Und es ging ihm zuvörderst um die Sache, für die er immer versuchte, breite Mehrheiten zu organisieren. Sein Ziel war es, den Landkreis und die Region gemeinsam voranzubringen. Dabei halfen ihm auch seine Verbindungen in die Landes- und Bundespolitik hinein – genannt seien Namen wie Gerold Tandler oder Hans-Jochen Vogel, die er zu seinen Freunden zählte. Und auch als Senator konnte er vorteilhaft Strippen ziehen.

Das Erreichte wirkt bis in die heutige Zeit. Er baute ein neues Krankenhaus, holte Chefärzte, die dieses entwickelten. Er gründete ein Landkreisgymnasium, weil der Freistaat nicht erkennen wollte, dass der Bedarf bestand. Er holte eine Fach- und Berufsoberschule nach Altötting. Und er baute die Infrastruktur aus in Form von Straßen, aber auch von Naherholungsgebieten in Marktl und Perach oder des Kreishallenbades.

Sein größter Coup aber dürfte der Bau des Müllheizkraftwerks in Burgkirchen sein. Das daraus entwickelte Abfallkonzept, aber auch die weitreichenden Umweltschutzmaßnahmen tragen bis heute, bescheren den Landkreisbürgern die deutschlandweit niedrigsten Abfallgebühren. Und die Abwärme kann auch genutzt werden – für Gemüseplantagen ebenso wie für die Heizung von Wohngebäuden.

Die 1990er brachten aber auch Tiefschläge mit sich. Der Widerstand gegen das Müllheizkraftwerk ging oft unter die Gürtellinie, doch das geglückte Ende ließ das vergessen. Schlechter lief es dagegen im Sparkassenskandal. Rund 60 Millionen Euro waren verbrannt, und auch der Landrat und Sparkassen-Verwaltungsratsvorsitzende nahm am Ruf Schaden, obwohl die Aufsichtsbehörden ihn von jeglicher Schuld freisprachen.
 
Im Dezember 1999 dann gab Seban Dönhuber − einigermaßen überraschend − seinen Rücktritt bekannt. Zu seinem Nachfolger wählten die Bürger nicht seinen Wunschkandidaten Herbert Hofauer (FW), sondern Erwin Schneider (CSU), seinen größten Widersacher in der Sparkassen-Affäre.

 

Nun widmete sich Seban Dönhuber den Wohlfahrtsverbänden – das BRK und die Arbeiterwohlfahrt waren seine soziale Heimat – und seiner Familie. 2017 sagte er anlässlich der Feier der Diamantenen Hochzeit, er habe seiner Frau viel zu verdanken. Durchaus selbstkritisch gestand er, während seiner Landratsjahre nie genug Zeit für sie und Tochter Manuela gehabt zu haben. Dies wiederum kommentierte Christa Dönhuber augenzwinkernd: „Wir hatten nie viel Zeit zum Streiten.“ Im Ruhestand entdeckte die Familie das Radlfahren für sich, gemeinsam wurde gereist und im Zentrum stand endlich die Familie mit den drei Enkelsöhnen Sebastian, Julian und Moritz.

Dass ein so verdienter Mann oft geehrt wurde, versteht sich von selbst; alle Auszeichnungen aufzuzählen, würde jeglichen Rahmen sprengen. Genannt seien das Bundesverdienstkreuz, der Bayerische Verdienstorden und die Verfassungsmedaille, die Ehrenbürgerwürde der Kreisstadt Altötting, die Bürgermedaille seiner Heimatstadt Neuötting und der Ehrenring des Landkreises.

Als „königlich-bayerischer Sozialdemokrat“ wurde er bezeichnet und als Volkstribun; selbst sah er sich als „Hausl des Landkreises“, wie er im April 2000, unmittelbar vor seinem Ausscheiden nach 30 Dienstjahren als Landrat, im Interview mit der Heimatzeitung sagte.

Für seine Arbeit und seinen Einsatz wurden ihm in vielerlei Hinsicht und wortreich gedankt, zuletzt öffentlich anlässlich des Festaktes zu seinem 85. Geburtstag im Januar 2019. Neuöttings Bürgermeister Peter Haugeneder sagte, für Dönhuber sei Politik immer die Kunst des Möglichen gewesen. Sein damaliger Amtskollege aus Altötting, Herbert Hofauer, nannte ihn „einen guten Hausvater und Steuermann, einen ehrlichen Politiker und Brückenbauer“. Und Dönhubers Nachfolger im Landratsamt, Erwin Schneider, zog die Lebensbilanz: „Sie haben den Landkreis im Spitzenfeld in Bayern etabliert.“

In den vergangenen gut vier Jahren ist es ruhiger geworden um Seban Dönhuber. Eine schwere Krankheit schränkte ihn immer mehr ein, nur selten war er noch öffentlich zu erleben, so etwa im Januar 2021, als er eine jener Persönlichkeiten war, die als erste gegen das Corona-Virus geimpft wurden. Alte Weggefährten aber besuchten ihn regelmäßig daheim im Haus am Bärenbach in Neuötting. Besonders treu war Alois Nöbauer, der, selbst im Ruhestand, vom Landrats- zum Altlandrats-Fahrer wurde und Seban Dönhuber kleine Ausflugsfahrten mit dem Auto angedeihen ließ, die dieser bis zuletzt sehr genossen hat.

Nun hat sich ein bewegtes, engagiertes und erfolgreiches Leben gerundet. Seban Dönhuber hat viel für den Landkreis und die Region getan und erreicht. Dafür gebührt ihm Anerkennung und Dank. Vergelt’s Gott, Herr Altlandrat!
Ehrende Worte für Seban Dönhuber fanden bei der Geburtstagsfeier 2019 Erwin Schneider (links), Neuöttings Bürgermeister Peter Haugeneder (von rechts) und das damalige Stadtoberhaupt von Altötting, Herbert Hofauer.

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